Am 24. Februar 2022 packt Mikula, ein 13-jähriger Junge in einer Stadt im Westen der Ukraine, seinen Rucksack. Keinen Urlaubsrucksack, sondern einen Notfall-Rucksack: mit Kleidung, Essenskonserven, ein paar Büchern, einem Kartenspiel und vor allem: seinem Pass. An diesem Tag hat Russland seine Heimat, die Ukraine, überfallen. In den nächsten Tagen hört Mikula ständig den Luftalarm gellen, er hört die Explosionen, er sieht die Verwüstungen, die zerstörten Häuser, seine Schule, die nur noch eine fensterlose Ruine ist. Er hat Angst. Der Rucksack für seine Flucht steht bereit. Er hat noch ein paar Fotos hinein gesteckt. Damit er nicht vergisst, wie es vor dem Krieg war.
Am 6.September hat Mikula Geburtstag, ob da wohl immer noch Krieg ist? Ja, sagen viele, der Krieg wird wohl noch lange dauern. Vielleicht noch sehr lange.
Am 4. Dezember geht Malala, ein 14-jähriges Mädchen aus Afghanistan, mit ihren Eltern am Hafen von Lesbos ein paar dringend notwendige Lebensmittel einkaufen. Für etwas Anderes reicht ihr Geld nicht. Es ist die einzige Abwechslung, die das Leben im Flüchtlingslager von Kara Tepe bietet. Vor einem Jahr ist das Lager in Moira abgebrannt, seitdem ist Kara Tepe ihr Zufluchtsort. Ein provisorisches Camp mit Zelten, ohne Heizung, wenig Strom, manchmal fehlt auch das Wasser, und nie gibt es sowas wie Privatsphäre.
Malala floh mit ihren Eltern aus Afghanistan, als die Taliban die Macht übernahmen. Ob Malala im September, wenn Mikula Geburtstag hat, noch immer in Kara Tepe sein wird? Das ist sehr wahrscheinlich. Und wenn nicht in diesem, dann in einem anderen Flüchtlingslager, ohne große Hoffnung, dass sich etwas ändert. Sie weiß nicht, was aus ihr werden wird. Aus ihren Eltern, aus den Anderen im Lager. In ihr Land können sie nicht zurück.
Auch Ahmed lebt in einem Lager. Ahmed ist 8, vor 2 Jahren hat er mit seinem Vater und den 6 Geschwistern ihr Dorf in Ätthiopien verlassen und sich auf den Weg gemacht in eines der Lager in der Umgebung, wo sie hoffentlich sauberes Tinkwasser, ein wenig Mais- oder Hirsebrei und ein Zeltdach über dem Kopf bekommen würden. Die Dürre hat ihre Ernte vernichtet, ihr Vieh ist verdurstet, die Mutter an der scheußlichen Krankheit gestorben. Aber es ist wenigsten schnell gegangen, sie musste nicht mehr miterleben, wie marodierende Banden ihr Dorf anzündeten.
Ebenso wie etwa 23 Millionen anderer Menschen in Äthiopien, Somalia, Kenia und vielen weiteren Ländern leiden Ahmed und seine Familie unter extremen Hunger.
Ob sie, seit ich ihre Geschichte las, einen anderen Ort gefunden haben, in denen es ihnen besser geht? Wohl eher nicht, auch, wenn sich weltweit viele Organisationen wie die UN, die FAO, Brot für die Welt oder Save the Children für die notleidenden Menschen einsetzen, können sie nicht für alle Hungernden ausreichend Nahrung garantieren.
2021 hatte der damalige amerikanische Präsident Joe Biden in seine ersten Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen versprochen:“Wir schließen das Kapitel von 20 Jahren Krieg und eröffnen ein neues Kapitel intensiver Diplomatie, in dem wir Verbündete mit Partnern und Institutionen zusammenbringen, um die großen Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen.“
Das war so hoffnungsvoll, aber seine Worte änderten nichts am ewigen Kreislauf der bewaffneten Konflikte.
Auch Präsidenten vieler afrikanischer Staaten baten darum, die Waffen schweigen zu lassen, aber trotzdem marodieren bewaffnete Banden und Milizen in Westafrika und der Sahel-Zone. In Burkina Faso, Niger, Mali und Nigeria. Auch in Kamerun, im Tschad, der Zentralafrikanischen Republik gibt es bewaffnete Konflikte, Gewalt herrscht in der Republik Kongo, in Somalia, im Sudan – und immer wieder auch in Äthiopien.
Nirgendwo geht es gewaltfrei zu. Der Krieg in Syrien ist noch immer nicht wirklich vorbei, genauso wenig wie die Koflikte in und um Afghanistan, An der indisch-pakistanischen Grenze kommt es immer wieder zu Spannungen, genau so wie an der indisch-chinesischen Grenze.
Und jetzt wird der „Mittlere Osten“ zu einem Schlachtfeld, wo Bomben und Gefechts-Drohnen blutige Arbeit leisten.
Und überall dazwischen leben Kinder – Kinder, die in Angst leben und Hass lernen.
Ich denke, wir müssen aufhören, Waffen zu produzieren. Damit wir lernen, unsere Auseinandersetzungen in Gesprächen zu klären, wieder miteinander zu reden und den Anderen zuzuhören. Das würde sich dann in der Nachbarschaft weiter verbreiten – und irgendwann die ganze Welt überzeugen.
Das sind so die Träume einer alten Frau, die einfach Angst hat, dass deutsche Waffen an zu vielen Stellen genutzt und missbraucht werden.
Und darum wollen wir beten gegen diese Angst, mit dem Gebet der Vereinten Nationen:
Herr, unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall. An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen, dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden, nicht von Hunger und Furcht gequält, nicht zerrissen in sinnlose Trennung nach Rasse, Hautfarbe oder Weltanschauung.
Gib uns den Mut und die Voraussischt, schon heute mit diesem Werk zu beginnen, damit unsere Kinder und Kindeskinder einst mit Stolz den Namen „Mensch“ tragen können.
Amen
